Wut und Glückwünsche

Vor etwas über einer Woche hatte ich Geburtstag. Letztes Jahr Lockdown, dieses Jahr Einschränkungen.

Nicht sehr bedauerlich, da ich von meinem Geburtstag kein großes Schauspiel machen mag. Im Prinzip freue ich mich auf einen entspannten Tag mit Frau, Kindern und Viechern.

Nun hatte meine Mutter morgens angerufen und gefragt ob sie vorbeischauen können. Natürlich mit Abstand, natürlich nur kurz. Gratulieren, Geschenk abgeben.

Ich will die Geschichte hier möglichst kurzhalten, daher kann ich sagen, dass am Ende der kurze Besuch davon gekrönt wurde, dass ich mit meinem Vater gebrochen habe und seitdem Funkstille ist.

Das Verhältnis zu meinem Vater war seit jeher schwierig. Er ist ziemlich konservativ und war Schichtmalocher. Ich kannte ihn entweder kaputt vom Arbeiten, schlafend, oder betrunken vom Stammtisch kommend.

Er hatte selten ein gutes Wort für mich oder meine Mutter übrig, hatte auch keine Lust etwas mit uns zu unternehmen. Ich bin mit meinen Eltern nicht einmal im Urlaub gewesen.

Ich habe auch keine Kindergeburtstage gefeiert. Wohnung zu klein, Papa hat Nachtschicht, quasi solche Aussagen kamen immer. Freunde mit nach Hause bringen?
Maximal 2 und leise sein, Papa hat gearbeitet.

Papa konnte die Fliege an der Wand stören. Der bellende Nachbarshund. Das Mama telefonierte, oder sich mit einer Freundin traf. Über allem schwebte er, wie eine düstere Wolke der schlechten Laune. Leute kamen kaum zu uns, er ging kaum irgendwo hin.

Klingelte in der Stube das Telefon, rief er mich aus dem Kinderzimmer, damit ich drangehe, wenn Mama nicht da war. Weil er nicht drangehen wollte.

Alles richtete sich an seinen Befindlichkeiten aus. Wenn man was Falsches sagte wurde man zurechtgewiesen und kleingemacht.

Ich glaube als Kind hatte ich mehr Angst vor meinem Vater als irgendein anderes Gefühl. Und das, obwohl er mich fast nicht geschlagen hat. Es war nicht so, dass er mich regelmäßig verprügelte, aber er wirkte ständig so, als könnte er es tun. Tatsächlich geschlagen hat er mich selten, in der Tat erinnere ich mich nur an zwei Vorfälle.

Wobei 1-mal schon zu viel ist, keine Frage.

Dennoch. Er wirkte auf mich fast immer bedrohlich. Ich genoss die Zeit, wenn er nicht da war. Dann fühlte ich mich frei und ausgelassen.

Das tat ich auch nicht aus Überzeugung. Ebenso wenig wie meine Ausbildung.  Ich wusste nicht was ich wollte und ich konnte keine Entscheidungen treffen. Ich traute mich selten etwas zu machen, oder zu fragen. Weil alles oft damit endete, dass meine Mutter für meine Interessen kämpfen musste.

Und das wollte ich wiederum nicht. Sie stritten genug und ich wollte lieber, dass es ruhig war und nicht laut. Besser wurde es erst, als ich zum Bund ging.

Weg von zu Hause. Nur am Wochenende da. Da wurde es auch mit meinem Vater besser.

Und als er Opa wurde. Die letzten Jahre hatte ich das Gefühl es geht bergauf.

Dann kam Corona. Und diese Pandemie macht etwas mit den Menschen. Mit der Gesellschaft.

Als nun meine Eltern an meinem Geburtstag ankam beschwerte er sich als erstes über die beschwerliche Anreise durch die Stadt. 20 Minuten hätte das gedauert. Wie kann man nur in der Stadt wohnen. Wie gewohnt und über Jahre antrainiert schwieg ich über diese Frage, weil jede Antwort nur zu einer abfälligen Antwort geführt hätte.

Ich habe das 4 Jahrzehnte trainiert. Ich bin ein erwachsener Mann, der 41 geworden ist. Wenn der alte Herr im Haus ist bin ich aber wieder ein kleiner Junge und ängstlich.

Einfach Maul halten, damit es ruhig bleibt. Einfach Maul halten, damit sich Mama nicht einschaltet und es Streit gibt. Ich will doch nur Ruhe. Aber der Klumpen in meinem Magen, der war da, wie immer. Dieser Klumpen aus Wut. Egal. Atmen, lächeln.

Es folgten Klagen darüber, dass diese Pandemiescheiße ihn ganz krankmacht. Er wolle davon nichts mehr hören oder sehen.

Ich sagte ihm er solle halt den Fernseher ausmachen, dann müsse er es nicht sehen und es würde ihm sicherlich bessergehen.

Er will aber den Fernseher nicht ausmachen, er will einfach das „die“ damit aufhören. Und überhaupt sind die Chinesen an allem schuld, die machen unsere Wirtschaft kaputt und haben auch noch dieses Scheiß Virus eingeschleppt. Vermutlich aus einem Labor. Der Klumpen in meinem Bauch wurde größer und heißer. Warum man nicht einfach alle Grenzen zu machen und alles wieder selber produzieren würde. Ich glaubte nicht was er da redete. Ich war fassungslos und der Klumpen wuchs und wuchs zu einem glühenden, grellheißen Wutball an. Alle Grenzen zu und die Merkel gleich mit weg. Hat ja schon genug angerichtet mit den Flüchtlingen.

Ich war fassungslos und konnte tatsächlich nicht verstehen, wie diese Worte aus seinem Mund kamen. Es folgten weitere Tiraden und es endete irgendwann damit, dass sein Premiumvorwurf kam, dass ich mich ja auch kaum noch melden würde. Das ich komisch sei, hätte ja auch Oma schon gesagt, ich sei so komisch geworden und mundfaul.

Es war mein Geburtstag. Er war zu Besuch in meinem Haus. Er benahm sich wie die Axt im Walde. Wie so oft, seit ich denken kann.  

Was dann passierte weiß ich nicht mehr genau, weil dieser grellgleissende Wutball im Bauch explodierte und sich 40 Jahre Angst, Frust, Wut und Verunsicherung entluden.

Ich brüllte all das raus, was ich immer so bitter runtergeschluckt hatte.

Er kommentierte all das mit kalten Provokationen in meine Richtung und die Art wie er mich dabei anschaute stieß mich ab. Ich verließ das Zimmer, aber es loderte weiter, also ging ich zurück und machte weiter bis ich nichts mehr sagen konnte. Bis alles raus war. Dann verließ ich abermals das Zimmer, setzte mich nebenan auf einen Hocker und starrte geradeaus. Ich hörte meine Frau, die ruhig mit ihm sprach. Meine Mutter kam zu mir, rotes Gesicht, feuchte Augen. Sie sagte mir, dass sie mich liebt, sagt meiner Frau, dass sie uns nicht allein lässt und verlässt das Haus. Er war bereits gegangen.

Mir ging es gut. Ich war gefasst und ruhig und erleichtert. Ich fühlte mich nicht mehr wie ein kleiner, unsicherer Junge.

Seitdem ist Stille. Auch von meiner Mutter kam bislang keine Rückfrage mehr. Kein „Wie geht’s?“. Es überrascht mich nicht. Es war schon immer so.

Und ich glaube, es ist nicht mal böse Absicht. Es ist einfach ein erlerntes Verhaltensmuster.

Es beschäftigt mich trotzdem. Es sind meine Eltern. Ich muss mit dem Gedanken klarkommen, dass mein eigener Vater unreflektiert die Meinung der Rassisten und Schwurbler aufnimmt. Und weitere Teile der Familie wohl ähnliche Gedanken haben. Diskutieren werde ich es nicht mehr. Sie wollen das glauben. Weil es so schön einfach ist in dieser komplizierten Zeit mit all seinen Auflagen und Beschränkungen.

Letztendlich habe ich mir an diesem Geburtstag aber wohl das größte Geschenk selber gemacht, indem ich ganz klare Verhältnisse geschaffen und meine Meinung dem gesagt habe, vor dem ich so lange Angst hatte.

Ich liebe meine Frau. Meine Kinder. Meine Viecher. Und das Leben, was wir führen.

Den respektvollen Umgang miteinander.

Und solltest du ähnliche negative Erfahrungen wie ich sie oben beschrieben habe gemacht haben, dann fühl dich bitte ermutigt deine Situation zu ändern.

Schnell. Verschwende keine weitere Zeit wenn es darum geht, dich von anhaftenden Schatten zu befreien und deinem Leben eine neue Richtung zu geben.

Meine Fresse, das klang jetzt wie eine von diesen Coaching-Werbungen. Deswegen höre ich an dieser Stelle besser auf und danke euch fürs lesen.

Real Life, Twitter und 1 Bit an Kunst

Kuckuck,

lange nichts passiert hier. Das hat zum einen mit dem Parameter Real Life zu tun, der einen immer wieder aus seinen digitalen Traumwelten holt, zum anderen aber auch mangelnde Inspiration. Das erste Quartal 2021 ist im letzten Drittel angelangt, wir haben immer noch Pandemie und so langsam ist auch meine Geduld damit erschöpft. Natürlich halte ich mich weiter an die Vorgaben, natürlich trage ich weiter Maske, natürlich vermeide ich unnötige Kontakte.

Aber es zerrt. Zu gern würde ich mit meiner Familie einfach mal wieder ein Eis essen gehen und mit den Jungs in unserer Stamm-Metal-Kneipe zu lauter Musik ein, zwei Bier trinken und Blödsinn labern.

Glücklicherweise habe ich eine wirklich tolle Familie, so dass die auftretenden Lagerkoller sich in Grenzen halten und wir uns immer recht schnell wieder zusammenraufen. Gerade den Kindern sei hier tiefster Respekt gezollt. Sie machen das wirklich super und ich bin stolz auf sie. Oft haben wir Diskussionen, dass ihre Freunde viel länger und viel häufiger online sind und ständig zocken dürfen und sie beschweren sich, dass sie da vergleichsweise strikte Zeiten haben. Mich besorgt es eher, dass in anderen Familien die Kids im vergangenen Jahr scheinbar 24/7 online waren und noch sind. Auch einer der Gründe weshalb ich hoffe, dass wir spätestens zum Ende dieses Jahres einen Teil der Normalität und Offenheit wiederhaben werden.

Durch die #Nordstadtkatzen, dass Homeschooling, unsere Hunde und das Haus haben meine Frau und ich auch immer gute Beschäftigung. Eingeleitet wurde das Jahr durch die verstorbene Kaffeemaschine. Dann folgte der Februar mit dem „großen Schnee“, wodurch dann Wasser vom Spitzboden in die Kinderzimmer eindrang. Glücklicherweise nicht so stark, wie man es bei einigen Bildern auf Twitter gesehen hatte, wo sich ganze Schneelandschaften auf Dachböden bildeten. Mein Uralt-Netbook, mit dem meine Tochter ihre ersten Geschichten geschrieben hat musste leider trotzdem dran glauben.

Abgerundet wurde dies dann vom Kühlschranks, der seinen Dienst ebenfalls quittierte. Da kamen die niedrigen Temperaturen und der Schnee dann doch gerade richtig. Der neue Kühlschrank ist niedriger und dafür breiter, was wir zum Anlass nahmen die Küche einmal umzustellen, da es sonst nicht mehr gepasst hätte. Da unsere Arbeitsplatten noch aus der alten Wohnung übernommen und improvisiert umgeschnitten und wieder verbunden wurden, brauchten wir aus Stabilitätsgründen nun auch neue Arbeitsplatten. Da diese aber derzeit im örtlichen Baumarkt nicht verkauft werden und diese darüber hinaus auch schnell ins Geld gehen haben wir sie kurzerhand selber aus Plankenholz hergestellt und angebaut. Das ist deutlich günstiger. Und deutlich arbeitsintensiver.

Hierbei war ich wieder einmal froh eine Frau geheiratet zu haben, die gerne handwerklich anpackt und mit der man gemeinsam all diese Dinge erschaffen kann. Wir haben mittlerweile ein gemeinsames handwerkliches Niveau als Ehepaar erreicht, bei dem wir in Rekordzeit nahezu wortlos IKEA Möbel zusammen aufbauen können. Ohne Streit und Androhung von Scheidung. Einfach so. Apropos meine Frau: wer uns auf Twitter folgt hat vielleicht mitbekommen, dass sie derzeit die Acrylmalerei für sich entdeckt hat. Ich finde sie kann hier durchaus noch das ein oder andere Bild mehr posten.

Tja und Twitter… naja alles wie immer.

Säue werden durchs Dorf getrieben, Meldungen gemacht, Accounts löschen sich, Accounts kommen wieder, andere machen Screenshots und lästern rum, wieder andere haben einfach Spaß. Durch einen dummen Zufall hatte ich meinen ersten kleinen Trend mit „Dwayne“. Der Tweet war drei Jahre alt und ich habe ihn nochmal retweetet weil er zu einem neuen Tweet thematisch gut passte und dann hat sich das verselbstständigt. Mit den gestiegenen Followerzahlen merke ich nun auch immer deutlicher die Kehrseite bei Twitter. Die unnötigen und zum Teil wirklich dummen Kommentare sorgen dafür, dass man nicht mehr bei jedem Tweet jede Interaktion mit verfolgen kann oder will. Zum anderen wurde mir wieder mal vorgeworfen, ich würde den „Falschen“ Accounts folgen.

Ich hatte dazu schon einmal was geschrieben und werde das hier nicht noch einmal breittreten. Mir folgen alle möglichen Accounts und ich folge allen möglichen Accounts. Ich folge dabei einem möglichst breiten Spektrum. Und selbstverständlich folge ich nicht nur Menschen mit denen ich immer und ständig übereinstimme. Und selbstverständlich tätigen von den knapp 1.000 Leuten denen ich folge auch immer wieder irgendwelche Aussagen, die ich persönlich nicht befürworte. Und das sind weitaus mehr als immer die 1 – 2 Leute, welche immer wieder herangezogen und dafür (stellvertretend!?) an den Pranger gestellt werden.

Es macht auch keinen Sinn das immer wieder zu diskutieren. Jeder hat eine andere Sicht auf Humor, Politik, Religion oder was weiß ich was und wenn man so durcheinander und zahlreich aufeinander knallt wie bei Twitter sind Brände vorprogrammiert.

In Deutschland nutzen ca. 1,4 Mio Menschen Twitter regelmäßig und aktiv. Das ist in Zahlen im Vergleich zu Facebook lächerlich gering (ca. 30 Mio.). Die deutsche Bevölkerung liegt bei 83 Mio.

Mir zeigt das zweierlei:

  1. Auf Twitter werden keine „Schlachten“ entschieden und schon gar nicht Prozesse gelenkt.
  2. 1,4 Mio ist wenig aber für einen einzelnen immer noch zu viel, als sich mit allem und jedem im Einzelnen beschäftigen zu wollen und auf alles und jeden einzugehen.  

Immer wieder werden Accounts als böse deklariert und andere als die großen „Durchblicker“ glorifiziert. Für mich persönlich ist diese Frontenbildung nach wie vor Bullshit. Selbstverständlich sollte man tatsächlich kriminellem Verhalten nachgehen. Allerdings sollte man auch Meinungsfreiheit und die freie Äußerung von Meinungen aushalten können. Sofort dagegen zu brüllen und Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen um den anderen „auszuschalten“, zu melden und zu Sippenhaft – mäßigen Massenblockierungen aufzurufen ist aus meiner Sicht mit extremistischen Verhalten vergleichbar. Es werden die Methoden angewandt die am anderen kritisiert werden. Da man selber aber immer eine weiße Weste hat ist das eigene Verhalten natürlich legitim.

Nein. Falsch. Jeder Nutzer sollte für sich allein denken und entscheiden können. Und diese Empfindsamkeiten und das Unvermögen objektiv und nicht emotionsgesteuert an eine Sache ranzugehen verursacht dann doch auch erst diese Schlammschlachten und Treibjagden.

Ein Diskurs findet entweder auf Augenhöhe statt oder gar nicht. Kurzum, Twitter ist für mich Unterhaltung, Meinungsaustausch, Diskussion, Zuflucht. Was ich dort wie mache ist meine Sache und wem ich folge ist meine Entscheidung. Was du dort machst und wem du dort folgst ist deine Sache. Und es ist nicht deine Aufgabe zu entscheiden was richtig und was falsch ist und wer wem aus welchen Gründen auch immer folgt. Meine übrigens auch nicht umgekehrt bei dir oder sonstwem.

Und auch von sonst niemandem. Und überhaupt. Und blablabla. Es sind über die Jahre immer die ewig gleichen, unnötigen Diskussionen.

Twitter ist halt nur ein wirklich verschwinden kleiner Aspekt eines weitaus komplexeren Lebens, dass sich zum größten Teil im realen Leben abspielt und nicht in diesem Mikro-Blogging Dienst. Siehst du das anders, nimmst du das Ganze vielleicht etwas zu ernst. Aber was weiß ich schon?

Zu guter Letzt eine Empfehlung an alle, die Interesse an Fotografie, Malerei und digitaler Kunst haben.

Werft mal einen Blick auf https://www.subs.tv/

Die Plattform ist anders, auch vom Aufbau, als man gewohnt ist und dort gibt es schon eine Reihe eindrucksvoller Arbeiten von tollen Leuten zu bewundern. Der ein oder andere von Twitter ist dort auch zu finden. Und natürlich ist da auch Zeug von mir drauf.

Sayonara Carbonara.