Was wäre wenn?

Eine interessante Frage, die sich so oder ähnlich wohl jeder schon mal im Leben gestellt hat.

Wäre ich wieder 14 hätte ich fast 29 Jahre meines Lebens vorausgeträumt.

Das ist eine verdammt lange Zeit.

Ich wüsste, dass ich eine Frau treffen würde, mit der ich viele Jahre verbringen würde, bevor

mein Leben für viele Monate zu einem Alptraum wird und ich nahezu alles verliere, was ich die Jahre

davor aufgebaut habe.

Würde ich sie nicht treffen, hätte ich meinen ältesten Sohn nicht.

Ich könnte dennoch versuchen, diesen Punkt zu überspringen und meine heutige Frau früher zu finden.

Doch ich war in meinen jungen Jahren nicht der Mensch der ich mit Anfang 30 war.

Würde sie mich überhaupt so wollen? Würden wir ohne die Erfahrungen, die wir vorher gemacht haben überhaupt so zueinander finden, wie wir es in diesem Leben getan haben?

Auch wenn ich sie früher treffen würde, dann hätte ich meine beiden anderen Kinder so nicht.

Hätte ich mein Studium gemacht wie geplant, hätten wir uns vermutlich nicht getroffen.

Wahrscheinlich würde ich in einer Großstadt wohnen und wäre damit nicht glücklich.

Als Jugendlicher habe ich oft davon geträumt wegzugehen und „Karriere“ zu machen.

Der wichtigste Punkt ist aber, dass – so sehr ich mein Leben auch anders gestalten könnte – ich meine Herkunft nicht ändern könnte.

Die Beziehung zu meinem Vater in der Kindheit und Jugend war schlecht. Freunde, lautes spielen, Parties – all das war zu Hause nicht möglich, da mein Zimmer und auch die Wohnung selber zu klein waren.

Er hat Schicht gearbeitet, 3 Schichten Standard, manchmal auch 4. Er hatte Schlafstörungen und war dadurch gereizt und unzufrieden.

Das wiederum führte dauernd zu Spannungen in der Familie und wurde erst besser, als ich mit 20 auszog.

Frei habe ich mich nur gefühlt, wenn ich nicht zu Hause war. Zu oft war die Stimmung zu bedrückend zu Hause.

Nach einem letzten großen Streit vor drei Jahren ist das Verhältnis besser.

Es hat also 40 Jahre gedauert, mich von dieser Last des Wegduckens zu befreien.

Mit 14 hätte ich keine große Wahl. Ich bin in einem 2000 Seelen Nest aufgewachsen, von wo aus man ohne Auto oder Bus kaum in die nächste große Stadt kam.

Hätte ich weglaufen sollen? Wohin? Und was würde aus meiner Mutter, die Freiheiten für mich erkämpft hat?

Die Chance abzurutschen wäre groß gewesen. Die Chance, dass ich heute als erwachsener Mann diese Zeilen schreibe wäre dafür sehr gering gewesen.

Vermutlich wären meine Depressionen niemals diagnostiziert worden und ich hätte sie weggesoffen oder mich mit anderen Drogen betäubt und mich schlussendlich

damit über den Jordan gebracht.

Wäre ich anders aufgewachsen, wäre die Basis eine andere gewesen – nunja, dann würde ich nun vermutlich darüber fabulieren welche großartigen Dinge ich vollbringen würde und was ich alles anders machen würde.

So wie es ist muss ich sagen, es ist alles gut, obwohl nicht viel gut ist.

Aber das, was in meinem Leben gut ist, ist so wichtig für mich, dass ich es nicht wieder hergeben möchte.

Ja, meine Kindheit war durchwachsen, vielleicht sogar streckenweise sehr schwer. Es fällt mir nicht leicht das einzugestehen, weil meine Eltern keine Unmenschen sind, ich nicht regelmäßig verprügelt wurde. Aber sie waren jung, verschuldet, unter Druck und ich nicht geplant und das erste (und einzige) Kind.

Es ist einfach viel falsch gelaufen, andererseits haben sie sich auch immer wieder Mühe gegeben mir in unserem kleinen Rahmen Möglichkeiten zu bieten.

Trotzdem sind regelmäßig viele Dinge vorgefallen, die mich als Kind getroffen, verletzt und auch verängstigt haben.

Meine erste Ehe war ab einem gewissen Punkt ein Dauerbelastungstest, geprägt von Krankheit und Machtspielen. Als es vorbei war, ist mir das erste Mal in meinem Leben eine große Last abgefallen.

Heute bin ich zum zweiten Mal verheiratet. Mit einer Frau, mit der ich auf Augenhöhe bin, die auch meine Freundin ist. Mit der ich mich gemeinsam aus dem Chaos der Vergangenheit rausgearbeitet habe. Wir sind beide mit nichts gestartet und haben uns etwas aufgebaut.

Aktuell geht es meiner Frau nicht gut. Wer sie auf Twitter liest, hat es mitbekommen. Wir haben noch keine abschließende Diagnose, aber es schaut nach ME/CFS aus.

Die Frau, die sonst immer bei 210% lief ist derzeit bei 20%. Und manchmal redet mir meine innere Stimme ein, dass ich dafür eine Mitverantwortung trage.

Weil mein Leben bisher immer von Stolpersteinen geprägt war. Krankheit, Schwere, überall wo ich bin und auftauche wird es schwierig. Das ist natürlich Quatsch, ich weiß, dass mein Kopf mir hier Mist erzählt um den schwarzen Hund zu füttern. Ich komme aus dieser schwierigen Kindheit, aus einer Ehe mit Krankheit, mein langjähriger Kollege stirbt an Krebs, sein Nachfolger wird während unserer gemeinsamen Arbeitszeit psychisch krank und schmeißt hin. In den letzten Jahren habe ich mehr für zwei gearbeitet als dass ich mich nur um meine Sachen gekümmert hätte. Ach und mein Vater hatte dann ja den Schlaganfall und auch meine Mutter wurde krank. Und nun wird meine energiegeladene und aktive Frau krank.

Es muss ja an mir liegen, nicht wahr? Ich verpeste meine Umgebung mit meinem schwarzen Karma.

Das ist ein blutroter Faden in meinem Leben und ich könnte es mir einfach machen, würde ich den Gedanken glauben.

In der Realität sieht es so aus, dass jeder seine Päckchen hat und niemand so frei und glücklich lebt, wie er uns auf seinen Instagram Fotos weismachen will.

Bei den einen ist es steiniger, bei den anderen etwas leichter.

Und nein, leider haben nicht alle die gleichen Chancen. Es kommt immer auch darauf an wo du herkommst.

Deine Herkunft gibt dir vor, wie viele Privilegien du hast und auch wie du durch dein Umfeld geprägt wirst.

Trotzdem kann man eine ganze Menge ändern und schaffen. Das kostet Kraft und ist manchmal sehr anstrengend.

Dann mag man nicht mehr weitermachen, weil der Kopf und der Körper sagen „es geht nun wirklich nicht mehr“.

Und dann macht man trotzdem ein bisschen weiter, und noch ein bisschen.

Und auch in dieser aktuellen, schwierigen Situation werden wir weitermachen. Denn wir sind noch nicht da angekommen, wo wir hinwollen.

Meine Frau und ich haben Pläne. Und wenn wir nun das Tempo drosseln und uns umstellen müssen, dann werden wir das tun.

Wir werden dafür sorgen, dass wir auch das schaffen und daran und dafür arbeiten, dass es ihr wieder besser gehen wird.

Ich habe viel er- und durchlebt und viel geschafft in den letzten 29 Jahren. Bloß gut, dass ich nicht nochmal 14 sein muss.

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